Wie „Digitalisierung“ zum Bullshit-Begriff verkommt

Politik, CEOs großer Unternehmen, Talkshows, Agenturen und Unternehmensberatungen sowieso. Alle reden von der „Digitalisierung“. Beispielsweise findet sich der Begriff auf über 60 Seiten im aktuellen Koalitionsvertrag. Und auch bei Google lässt sich natürlich ein starker Anstieg im Suchverlauf erkennen:

1. Digitalisierung als Rechtfertigung

Der Begriff wird inflationär benutzt. Das alleine wäre ja nicht wirklich schlimm und lässt mutmaßen, dass dann doch die meisten die Notwendigkeit der anstehenden Veränderungen verstanden haben.

Problematisch finde ich aber, wenn der Begriff als Rechtfertigung für unangenehme Entscheidungen verwendet wird.

Etwas, das zumindest mit dem Begriff „Globalisierung“ in ähnlicher Weise bereits erfolgt ist. t3n.de schreibt dazu:

Die Entscheidung, Kapitalkontrollen abzuschaffen und Zölle abzubauen, war eine politische, die aus guten Gründen gefällt wurde. Doch statt auf die Vorteile für Wirtschaft und Menschen durch die Globalisierung hinzuweisen, wurde eine politische Entscheidung als Naturgewalt beschrieben, mit der alles Mögliche gerechtfertigt wurde. Lohn- und Renten-Stagnation, schmerzhafte Arbeitsmarkt- und Sozialreformen – was wurde nicht alles mit Verweis auf Globalisierung und der Wettbewerbsfähigkeit beschlossen?

t3n.de, Kolumne

Die Gefahr ist, dass sich dies mit dem Begriff rund um „Digitalisierung“ wiederholt. Erste Beispiele zeigen, dass die Digitalisierung bspw. als Rechtfertigung für Arbeitszeitflexibilisierung genutzt wird:

Professor Dr. Rudolf Hickel der Uni Bremen fragt in diesem Kontext …

… warum durch die Digitalisierung die Arbeitszeit im Dienst der Profitmaximierung noch mehr flexibilisiert werden soll?

Professor Dr. Rudolf Hickel

Aus seiner Sicht greift die Politik und die Unternehmenswirtschaft zu stark nach einer Vorabsicherung von möglichen Extraprofiten aus der Digitalisierung.

Dabei darf die Digitalisierung nicht wie schon die Globalisierung als übergreifende Rechtfertigung für unangenehme Entscheidungen herhalten. Vor allem wenn es um Dinge wie die Arbeitszeitflexibilisierung geht, die erstmal nicht wirklich etwas mit dem technischen Fortschritt zu tun haben.

Denn ansonsten wird die Technik-Skepsis der Deutschen noch größer, als sie ohnehin schon ist. Zumindest dann, wenn Politik und Medien die Angst vor der Digitalisierung weiter anfachen und negative Dinge damit verbinden – oder eben Entscheidungen damit rechtfertigen.

Das Bundesbildungsministerium fragte 2017 im Rahmen einer Studie, wie die Digitalisierung die Jobs verändern wird (Umfrage des BMBF, beim Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid in Auftrag gegeben). Die Ergebnisse liegen u.a. der Berliner Zeitung vor:

DER SPIEGEL Cover
DER SPIEGEL Cover, 2016

So befürchten 81% der Menschen in Deutschland, dass durch die technologische Entwicklung immer mehr Menschen beruflich abgehängt werden. 84% glauben, dass durch die Digitalisierung in Zukunft die Gehaltsunterschiede zunehmen werden.

Klar, die Sorgen sind sehr nachvollziehbar. Ein Beispiel: Der Durchschnittsverdienst bei Facebook liegt bei fast einer Viertelmillion Dollar, bei Amazon aber nur bei 28.446 Dollar. Der Grund: Bei Amazon sind sehr viel mehr Lagerarbeiter beschäftigt als Softwareentwickler.


Ich denke, dass die Digitalisierung und Automatisierung den Wohlstand der Welt (zumindest auf absehbare Zeit) verbessern wird. Das Problem dabei: Da in Zukunft menschliche Arbeit deutlich weniger gefragt sein wird als heute, werden die allermeisten davon nicht profitieren. Welcome to New Work!

Die Menschen auf dieser Reise mitzunehmen, wird daher die große Aufgabe der Politik in den kommenden Jahren und Jahrzehnten. Und dafür sollte der Begriff „Digitalisierung“ in der öffentlichen Wahrnehmung sehr bewusst und sehr behutsam verwendet werden.

2. Digitalisierung verengt den Blick

Weiterhin ist der Begriff erstmal sehr deutsch. Eine Übersetzung von „Digitalisierung“ gibt es in England oder den USA so nicht. Dort spricht man meist sehr viel konkreter von „innovation“ oder „automation“.

Info-Box: Digitization

Es gibt den Begriff „to digitize“. Das meint aber eher die eigentliche Umwandlung von analogen Informationen (bspw. eine Schallplatte digital einlesen und abspeichern): The term is used to describe […] the scanning of analog sources into computers for editing, 3D scanning […] and audio. https://en.wikipedia.org/wiki/Digitization

Ein so stark aufgeladener Begriff wie „Digitalisierung“ wird wohl nur in Deutschland genutzt – er muss für alles sehr viel herhalten. Das ist insofern verständlich, als das die Digitalisierung sehr viel verändert und sich sich auf viele Bereiche des Lebens auswirkt.

Der Begriff impliziert allerdings, dass man die Lage unter Kontrolle hat. Dass die Unternehmen (auch die deutschen) nun wirklich erkannt haben, dass Digitalisierung wichtig ist. Dass man jetzt „digitalisiert“ und Milliarden investiert. Jetzt geht’s los.

Dabei richtet die „Digitalisierung“ den Blick vor allem auf die Technik. Auf die Heimvernetzung. Auf vernetzte Haushaltsgeräte. Auf automatisierte Arbeitsabläufe in Unternehmen. Auf Industrie 4.0. Auf das kontaktlose Bezahlen im Supermarkt usw.

Das lässt uns glauben, dass wir die Umbrüche einordnen können, die zwangsläufig auf uns zukommen werden. Doch die „Digitalisierung“ ist zu eng gefasst. Benedikt Herles beschreibt in seinem (ganz tollen) Buch „Zukunftsblind“ (Amazon) wie verschiedene Technologiefelder immer weiter zusammenwachsen.

Biotech im Labor
Biotech

Die allgegenwärtige „Digitalisierung“ begrenzt den Blick. Es geht neben der Informatik genauso um Biotechnologie oder Gentechnik. Gerade aus der Verbindung von Biologie und Technologie wird Richtungsweisendes (mit all seinen positiven und negativen Aspekten) entstehen – wie bspw. aktuell bei CRISPR/Cas9 zu sehen ist.

Benedikt Herles meint, dass wir nicht eine einzelne, sondern gleich mehrere Revolutionen erleben werden. Informatik und Biowissenschaften rücken immer enger zusammen und inspirieren sich gegenseitig.

Herles plädiert daher dafür, dass wir eher von einer „technologisch-wissenschaftlichen Zeitenwende“ sprechen sollten. Und weniger von „Digitalisierung“.

In was für einem Land wollen wir leben?

Viel wichtiger als der Begriff bzw. die Begriffsverwendung ist aber natürlich was wir daraus machen.
Die Digitalisierung technologisch-wissenschaftlichen Zeitenwende wird unser Leben weiter vereinfachen, vernetzen – vor allem aber verändern.

Daraus ergibt sich die grundlegende Frage, wie wir zukünftig leben wollen?

Der Informatiker Alan Kay meint, der beste Weg die Zukunft vorherzusagen ist, sie mitzugestalten.

Die aktuelle Debatte rund um die „Digitalisierung“ lebt leider (zu) viel von Schlagwörtern. Und dabei wird zu wenig langfristig gedacht und gehandelt: Wie wollen wir leben und wie das Geld, die der technische Fortschritt der Wirtschaft beschert, verteilen? Wie wollen und können wir zukünftig lernen und wie zusammenarbeiten?

Das können und müssen Menschen immer noch politisch entscheiden. Aber bitte aktiv und nicht so visionslos wie bisher. Und nicht alles unter dem Begriff „Digitalisierung“.

2 Kommentare

  1. Lieber Lars,

    toller Artikel! Viele der Menschen, die von Digitalisierung sprechen, haben keine Ahnung wovon sie da eigentlich reden – häufig ist diese Spezies in der Politik und Agenturwelt anzutreffen. Es klingt halt immer sehr wichtig, wenn diese Buzzwords möglichst häufig verwendet und mit Allem in Verbindung gebracht werden.

    Wie Du komme auch ich aus einer Welt, die das Thema Digitalisierung seit Jahren wie eine Sau durchs Dorf treibt – und irgendwie auch ein Teil des Problems ist. Du schreibst, dass viele Menschen von der Digitalisierung nicht profitieren werden.

    Allerdings fängt es doch schon in der Schulbildung und unserem System an. Kaum jemand möchte heute in einem handwerklichen Beruf arbeiten, weil die Leistung der Arbeit schlecht vergütet und der gesellschaftliche Status nicht adäquat ist.

    Die Handwerksbetriebe besitzen einen akuten Mangel an Nachwuchs und selbst in 20 Jahren wird irgendjemand trotz „Digitalisierung“ eine Toilettenschüssel installieren müssen. Wenn ich Deiner Annahme folge, bedeutet dies für mich, dass ich Zukunft nicht mehr auf einen Termin bei meinem Gas/Wasser Installateur warten muss – da es endlich ausreichend Arbeitnehmer gibt.

    Jetzt freue ich mich wieder auf die „Digitalisierung“.

    Liebe Grüße

    Daniel

    1. Hey Daniel,

      ganz lieben Dank für deinen Kommentar.
      Du hast total Recht, aktuell gibt es (zumindest in Deutschland) einen akuten Mangel an Handwerkern – oder zumindest wohl leider immer weniger Menschen, die einen solchen Beruf auch in Zukunft noch machen möchten. Dabei tut sich ja auch bei den Handwerkern ganz viel spannendes und vieles wird „digitalisiert“.

      Das Problem mit dem Nachwuchs würde ich jedoch nicht direkt am Umgang mit dem Wort „Digitalisierung“ festmachen (um das es mir ja vorrangig ging).

      Die Gründe sind hier beispielsweise eher die Bürokratie. Oder die Kosten für einen Meistertitel. Oder zu wenig Berufsschulstandorte.

      LG

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