Strukturen aufbrechen mit den „Liberating Structures“

Bezugnehmend auf meinen letzten Beitrag wurde kritisiert, dass ich zu viele Buzzwords verwende und zitiere. Ich glaube so ganz ohne Buzzwords gehts ja leider nicht. Die Frage ist ja vor allem auch, was in diesen Begriffen steckt, warum diese so viel genutzt werden und was die Idee dahinter war bzw. ist.

Ich möchte daher jetzt etwas zu einem Begriff schreiben, den (vermutlich) die meisten noch nicht kennen: Den sogn. „Liberating Structures“.

Ich beschäftige mich schon seit längerem damit – und natürlich geht es auch hier im weitesten Sinne um New Work, um Selbstorganisation und Selbstmanagement (schon wieder Buzzwords!?!).

Was ist eine Struktur?

Mit Struktur ist in diesem Kontext ein Rahmen gemeint, in dem Menschen miteinander interagieren. Ein Vortrag zum Beispiel. Ein Meeting. Oder eine Podiumsdiskussion.
Solche Strukturen unterliegen bestimmten (meist impliziten) Gesetzmäßigkeiten. Ein Vortrag kann die Verbundenheit von Redner und Publikum fördern – aber hemmt typischerweise eher die Interaktion im Publikum untereinander. Offene Diskussionen oder Brainstorming-Sessions sind vielleicht eher zu locker organisiert und unterdrücken (unabsichtlich) das Engagement der Beteiligten.

Laaaangweilig!

Bei der Struktur „Meeting“ ist es häufig so: Eine Person spricht, viele andere kommen nicht zu Wort oder langweilen sich. Das gilt natürlich nicht für jedes Meeting und jedes Unternehmen, aber allzu häufig sieht man Personen in Meetings auf dem Smartphone rumdaddeln oder gelangweilt aus dem Fenster gucken.

Vieles was in Unternehmen „präsentiert“ wird, ist oftmals von einzelnen Personen erstellt und in ein enges Format gepresst. Da ist es nicht verwunderlich, dass (gefühlt) fast jeder Zeit in Meetings als etwas betrachtet, das man unbedingt reduzieren möchte.

Laaaangweiliges Meeting

Auch Meetings, in denen wirklich wichtige Fragen behandelt werden, die eigentlich alle interessieren sollten, zerren oft an der Energie der Teilnehmer.

Fragt man aber Menschen in Unternehmen was sie sich mehr wünschen, so wird häufig mehr gegenseitiges Verständnis, eine gemeinsame Richtung, engere Zusammenarbeit oder auch gegenseitige Unterstützung genannt.

Nun gibt es natürlich die „üblichen“ Dinge, die Meetings besser machen: Das klare Festlegen einer Agenda, eines Meeting-Owners oder von Formaten für die Entscheidungsfindung. Doch diese Dinge reichen häufig nicht aus. Zumindest dann nicht, wenn komplexe Herausforderungen zu klären sind, die sich im Verlauf des Meetings ändern. Daraus ergibt sich die zentrale Frage:

Wie organisiert man die gemeinsame Arbeit von Gruppen von Menschen so, dass sie effektiv ist und gleichzeitig alle miteinander verbindet?

Der erste Impuls ist es, Führungskräfte dafür verantwortlich zu machen. Aber meist sind nicht die Führungskräfte schlecht oder inkompetent. Vielmehr haben die Mitarbeiter einfach Muster gelernt, die nicht mehr in die heutige Realität passen.

Hier setzen die Liberating Structures an, die eine andere Art von Atmosphäre und Effektivität in der Zusammenarbeit in Gruppen versprechen.

Was sind Liberating Structures?

To liberate meint „befreien“ oder „erlösen“ und meint im Kontext der „Liberating Structures“ bestehende Strukturen aufzubrechen.

Das Konzept ist aus dem Frust im Umgang mit bestehenden Strukturen entstanden. Wie bereits skizziert sind diese vielfach zu rigide: Beispielsweise Präsentationen oder Status-Berichte. Oder zu wenig organisiert: Beispielsweise Brainstormings oder freie Diskussionen.
Und vor allem ist häufig die „Macht“ in diesen Strukturen nicht gerecht verteilt: Die Redezeit ist ungleich, eine Meinung hat mehr Gewicht als andere, Mitarbeiter haben Angst, ihre Ideen preiszugeben. All dies verhindert eine wirklich funktionierende und erfolgreiche Zusammenarbeit.

Hier setzen die Liberating Structures an und bringen eine Sammlung mit etwa 35 sogn. Mikrostrukturen mit. Mit diesen Mikrostrukturen wie etwa Helping Heuristics, Nine Whys oder Drawing Together soll nicht nur den vermeintlichen „Machern“ sondern jedem Teilnehmer eine Plattform für aktiven Teilnahme geboten werden. Diese Strukturen sind kostenlos und öffentlich einsehbar.

„Menükarte“ mit 35 Mikrostrukturen

Mehr zu den Mikrostrukturen findet sich unter anderem auf der Liberating Structures Website (Deutsche Website, Englische Website) oder im Liberating Structures Buch (Amazon).

Die Strukturen wurden unzählige Male getestet und ausprobiert. Alle folgen einem identischen grundlegenden Aufbau:

  1. Die Einladung gestalten
  2. Aufbau und benötigte Materialien
  3. Wie werden die Teilnehmer eingebunden?
  4. Wie sind die Gruppen zusammengesetzt?
  5. Ablauf und Dauer

Ein Blick in eine beliebige Structure zeigt, dass jeweils andere Dinge im Ablauf erwartet werden. Bei der Structure „15% Solutions“ bpsw. steht unter „1. Einladung gestalten“: Frage Bezug nehmend auf eine individuelle oder kollektive Herausforderung “Was sind deine 15%? Wo hast du die Freiheit, nach eigenem Ermessen zu handeln? Was kannst du tun, ohne nach zusätzlichen Ressourcen oder Erlaubnis fragen zu müssen?”

Natürlich gibt es neben der Kurzanleitung für jeden Schritt auch eine allgemeine Beschreibung der jeweiligen Mikrostruktur.

Zusammenfügen der „Structures“ zu „Strings“

In der Praxis geht es nun weniger um eine einzelne Mikrostruktur, sondern eher um das aneinanderfügen von Strukturen, die verkettet miteinander zu einem Ergebnis führen. Diese Verkettung wird als sogn. „Strings“ bezeichnet.

Diese Verkettung ist notwendig, um komplexe Probleme mit Gruppen zu lösen. Strings unterstützen in den folgenden sechs Bereichen:

  1. Teilen oder Verbreiten
  2. Offenlegen, Entdecken, Erschaffen, Entwickeln oder Verbessern
  3. Untersuchen, Erkennen, Klären, Detaillieren, Debriefen
  4. Helfen, Hilfe bekommen, Zusammenarbeiten
  5. Strategie entwerfen
  6. Planen

Ein Beispiel: Das Impromptu Networking

Das Impromptu Networking ist eine der einfachsten Strukturen und gibt einen ganz guten Einblick wie die „Liberatung Structures“ eingesetzt werden können.

Diese Struktur dient einem entspannten Einstieg bzw. Ankommen. Im Sinne eines Smalltalks werden hier Fragen in Paaren beantwortet, auf die im Nachgang nicht weiter eingegangen wird.

So fragen bspw. zu Beginn eines College-Kurses Professoren ihre Studenten “Warum hast du dich entschlossen, diesen Kurs zu besuchen? Was erhoffst du dir von den anderen Teilnehmer und was möchtest du ihnen geben?

Im Rahmen eines Scrum-Teams kann bspw. gefragt werden: „Suche dir jemanden aus dem Team, mit dem du am wenigsten Zeit während des Sprints verbracht hast und tauscht euch darüber aus, was ihr vom jeweils anderen wahrgenommen habt und welche Chance oder Ideen ihr seht, den gemeinsamen Austausch zu erhöhen?“ (Link).

Mit dieser wirklich äußerst einfachen Struktur können eher schüchterne Teilnehmern sich aufwärmen. Und man kann die Teilnehmer durch interessante Fragen sofort einbinden.

Die einzelnen Strukturen werden online jeweils mit Tipps, Stolperfallen und Variationen ergänzt.

Info-Box: Wer hat’s erfunden?

Die Mikrostrukturen stammen ursprünglich von den amerikanern Keith McCandless und Henri Lipmanowicz. Beide entwickeln diese aktiv weiter.
Henri Lipmanowicz meint: „My current passion is the development of Liberating Structures and their dissemination across all five continents„.

Fazit:

Natürlich kommt die Idee der „Liberating Structures“ aus dem agilen Kontext. Der Grundgedanke orientiert sich an den „agilen Werten“ wie Commitment, Einfachheit, Feedback, etc. – und natürlich wird die Verbreitung vor allem von Anhängern agiler Arbeitsweisen (Scrum, Kanban, …) vorangetrieben.

Allerdings klingt „agil“ ja immer sehr vielversprechend. Jeder meint heute agil arbeiten zu müssen. Weil aber Agilität nur allzu häufig nicht zu der Kultur vieler Unternehmen passt, klappt die Umsetzung auch nicht so recht.

Die Liberating Structures können hier gegensteuern und sind aus meiner Sicht eine konkrete Hilfe und Anleitung, um agile Prinzipien in die Unternehmen zu integrieren. Und um ganz konkret Dinge, die sonst in einer großen Gruppe für einzelne Teilnehmer schwer sind, leichter zu machen.

Letztlich sind die Liberating Structures für Moderatoren eine Möglichkeit, um Teilnehmer einzubeziehen und ihnen die Kontrolle über die Ergebnisse zu übergeben. Durch die vorgegebenen Zeiten geschieht dies in einem klaren inhaltlichen Rahmen und in einem knappen, vorgegebenen Tempo.


Community & Merchandising:

Es gibt mittlerweile eine feste Community zu den Liberating Structures auch in Deutschland. Diese kann man unter anderen in unzähligen Meetups kennenlernen. Beispielsweise in Hamburg (LSUG) oder Berlin (Liberating Structures Lab Berlin).

Es gibt darüber hinaus eine App (Apple App Store), verschiedene Bücher und bspw. auch alle Structures als Karten (Amazon). Dabei dienen die Karten als Ergänzung zum Buch und der Webseite:

Liberating Structures Design Cards von der Holisticon AG

Die Liberating Structures werden in Deutschland von der Holisticon AG hier in Hamburg getrieben. Holisticon ist eine Management- und IT-Beratung, die rund um das Thema Liberating Structures sehr aktiv ist.

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