Ist „Phenomenon-Based Learning“ die Zukunft des Lernens?

Ich möchte hier meine Gedanken zur Zukunft des Lernens skizzieren:

  1. Weil Bildung und die Zukunft dieses Landes eng miteinander verknüpft sind
  2. Weil Bildung und die Zukunft der Arbeitswelt eng miteinander verknüpft sind
  3. (Stichwort „New Learning“)
  4. Weil es mit dem „Phenomenon-based learning“ einen neuen, spannenden Ansatz gibt

Intro:

Eigentlich ist es ein No-Brainer: Bildung entscheidet wesentlich über die Zukunftschancen der Menschen in Deutschland. Und Bildung schützt sozialen Frieden und Wohlstand. Darüber sind sich mehr oder weniger alle Parteien einig. Mehr Geld für Bildung versprechen alle.

Die „10 Jahres Challenge“ auf Facebook. Wenn es nicht so traurig wäre …

Aktuell sieht es leider allerdings eher so aus: Marode Schulgebäude, veraltete Ausstattung und viele Unterrichtsausfälle. Und Deutschland investiert immer noch deutlich unter OECD-Durchschnitt.

Natürlich wissen das alle. So diskutiert die große Koalition einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz. Die SPD möchte kostenlose Bildung von der Kita über die Berufsausbildung bis zum Studium. Die FDP (Disclaimer: Ja, ich bin FDP-Mitglied, mache hier aber keinesfalls Parteiwerbung) möchte die „Weltbeste Bildung„.

Jetzt soll zumindest der „Digitalpakt Schule“ kommen und der Bund darf in Zukunft mit viel Geld die Digitalisierung an Deutschlands Schulen unterstützen.

Zu viel Oberflächliches:

Mich stört an der Debatte (bei den Parteien und auch ganz allgemein), dass es dabei viel zu sehr um oberflächliche Dinge wie eine bessere Ausstattung geht. Also bspw. interaktive Tafeln, breitbandige Verkabelung oder WLAN. Das ist richtig und wichtig. Aber damit werden die eigentlich wichtigen Themen in der Bildung überlagert. In ein paar Jahren haben alle Kinder ein Tablet in der Schule. Aber die Bildung ist dadurch kein Stück besser. Außerdem verzögern vermutlich Eltern oder andere technophobe Bedenkenträger dieses Vorhaben und kritisieren sinngemäß: Soll mein Kind nun sogar auch noch in der Schule die ganze Zeit vor dem Bildschirm hängen?
Diese Diskussion bringt keinen weiter.

Viel interessanter – und wichtiger – ist dagegen die Überarbeitung der Lerninhalte und der Lernmethodik. Vielfach ist in den Schulen die Teamarbeit (zumindest in Prüfungen) nicht willkommen und wird sanktioniert. Bulimielernen ist an der Tagesordnung. Richard David Precht kritisiert den Bedarf nach viel zu viel Spezialkenntnissen in der Schule:

„Man muss nicht jede Flechte kennen und wissen, mit wem Otto III. verheiratet war […]. Überflüssig ist die deklarative Grammatik. Man muss nicht wissen, was ein Konsekutivsatz ist, um ihn zu bilden. […]“

Richard David Precht, Spiegel Online

Doch um auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft relevant zu sein, sind konzeptionelles Denken und Kreativität wichtig. Fähigkeiten, die Roboter/AI/etc. vermutlich auch in vielen Jahren wohl nicht wirklich leisten können. Statt dessen müssen Schüler aber Spezialkenntnissen und Fakten lernen. Oder Latein.

So weit so bekannt. So weit so furchtbar.

Mehr Freiheiten für Lehrer:

Klar, für eine Bildungsrevolution braucht es andere Gesetze. Es ist aber ungerecht nur auf die Politik zu schauen. Es braucht auch andere Lehrer. Ebenso ein anderes Verständnis von Lehrern in Deutschland. Denn diese sind weder besonders gut bezahlt noch besonders gut angesehen. Und Lehrer müssten viel mehr Freiheiten bekommen.

Interessant wird es wie so oft, wenn man nach Skandinavien (in diesem Fall nach Finnland) guckt. Hier passiert in der Bildung aktuell viel spannendes:

Bessere Schulbildung mit dem „Phenomenon-Based Learning“

In Finnland gibt es nämlich das, was wir aus den oben genannten Gründen dringenst bräuchten: Eine echte Schulreform.

Ein interessanter Aspekt davon ist das „Phenomenon-Based Learning„. Auf deutsch ganz ganz furchtbar als „Phänomen-Unterricht“ tituliert. Statt klassischer Fächer werden eher Themengebiete im Unterricht besprochen. Natürlich lernen die Schüler auch noch die Grundlagen wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Allerdings mit weniger strikten Grenzen und mehr Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Fächern.

Die Reform sieht vor, dass Bildungseinrichtungen nun Unterricht anbieten, der mehr auf Ereignissen und Interessen basiert. Es geht im „Phenomenon-Based Learning“ vielmehr darum, Zusammenhänge zu erkennen, anstatt nur Einzelaspekte zu betrachten. Weg vom bruchstückhaften Wissen, hin zum Erlernen ganzheitlicher Vorgänge. Ein Beispiel könnte der 2. Weltkrieg sein, der sowohl aus einer geschichtlichen, aus einem geografischen oder auch aus einem mathematischen Blickwinkel betrachtet werden kann. So wird der fächerübergreifende Unterricht deutlich erweitert und mehr auf eine projektorientierte Basis gestellt.

Scheinbar haben die Finnen erkannt, dass Bildung heute andere Ansprüche an Schüler und Lehrer stellt, als zur Zeit ihrer Entwicklung. Früher ging es darum, Menschenmassen für eine industrialisierte Gesellschaft zu formen. Diese Zeiten sind heute mehr als vorbei.


Bessere Weiterbildung in Unternehmen mit „New Learning“

Von der Schule nun der Blick in die Unternehmen. In Konzernen ist es doch häufig so: SAP wird eingeführt und alle, die damit arbeiten, erhalten eine Schulung. Oder Mitarbeiter besuchen ein zweitägiges Seminar zum Thema „Besser präsentieren“.

Ein ähnlicher Lernansatz wie in der Schule und dem oben zitierten Bulimielernen. Ein Mitarbeiter ist in diesem Fall möglicherweise mit dem Thema warm geworden. Aber so wirklich besser präsentieren kann im Zweifel niemand nach zwei Tagen.

Ich denke, wir wissen im Grunde schon lange, dass die Art, wie wir Lernen verstehen, ein Missverständnis ist.

Christian Friedrich von der Haufe Akademie

Ein neuer Ansatz ist nun (wie sollte es anders sein) „New Learning“ – natürlich in Anlehnung an „New Work“. Und natürlich hängt beides eng miteinander zusammen.

Der Grundgedanke von „New Learning“ ist die Stärken der Mitarbeiter zu stärken. Das klingt erstmal nicht wirklich neu. Allerdings schauen viele Personalentwicklungen noch immer auf die vermeintlichen Defizite der Mitarbeiter. Unternehmen müssen die Mitarbeiter viel besser kennenlernen (vgl. Artikel Job Crafting) und herausfinden wofür sich Mitarbeiter wirklich begeistern und wo bereits Kompetenzen vorhanden sind. Was treibt die Mitarbeiter an? Was bewegt sie? (Hinweis: Das „wirklich, wirklich wollen“ ist ja der Grundgedanke von Frithjof Bergmann zu New Work).

„New Learning“ Erkenntnis 1:
Der interessengeleitete Weg macht Lernen leichter, effizienter und effektiver:

Es ist immens wichtig herauszufinden, was jeden einzelnen im Unternehmen interessiert. Überlegen sich andere (bspw. HR) etwas im Sinne von „Das ist doch spannend für Dich“, dann fehlt vielen Mitarbeitern der persönliche Bezug zu dem, was sie lernen sollen. Im Zweifel lernen sie dann nicht viel. Der interessengeleitete Weg macht Lernen nicht nur leichter, sondern auch effizienter und effektiver. So muss „Neues Lernen“ deutlich individualisierter sein als es bisher der Fall war.

„New Learning“ Erkenntnis 2:
Lernen muss stärker in den Arbeitskontext integriert werden:

Wir dürfen Lernen und Arbeiten nicht getrennt voneinander betrachten. Lernen sollte nicht verordnet werden. Dies erfordert jedoch auf Seiten der Lernenden, selbstorganisiert und selbstgesteuert zu lernen. Ausgerechnet diese Kompetenz ist leider im Laufe unserer schulischen Laufbahn durch Frontalunterricht, Bulimielernen, zu viel Spezialwissen (siehe oben) etc. abhandengekommen. Unternehmen haben heute viel mehr die Aufgabe ihre Mitarbeiter zu unterstützen, sich wieder eigenständig weiterzuentwickeln.

Vielleicht kann auch hier ein ähnlicher Ansatz wie das „Phenomenon-Based Learning“ für Mitarbeiter eines Unternehmens zum Einsatz kommen. Warum nicht entsprechende Trainings-Stationen im Unternehmen installieren, um alltagstaugliche und übergreifende Trainings anzubieten?

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