Querdenker gesucht

Unternehmen brauchen und wollen Querdenker! Aber so richtig eigentlich nicht …

Viele Unternehmen haben sie: Unternehmerisch agierende Mitarbeiter. Damit meine ich Querdenker, bei denen die Persönlichkeitsstruktur eher unternehmerisch ist.

Vermutlich gibt es in der Literatur einige Untersuchungen, welche Persönlichkeitsmerkmale eine unternehmerische Person auszeichnen. Aus meiner Sicht agieren solche Mitarbeiter lösungsorientiert, handeln und denken strategisch und sind auch bereit Risiken einzugehen. Und noch viel wichtiger: Diese Mitarbeiter haben frei nach Werber-Legende Reinhard Springer eine gute „Gesagt-getan-Rate„. Sie sind also bereit anzupacken und die Strukturen und Prozesse aufzubauen.

Manche dieser Mitarbeiter gründen früher oder später selber ein Unternehmen. Manche werden Freelancer. Andere aber bleiben Ihrem Arbeitgeber treu: Weil sie dem Unternehmen emotional verbunden sind. Oder vielleicht auch weil sie die Sicherheiten schätzen, die mit einem festen Anstellungsverhältnis einhergehen. Manchen mögen vielleicht auch einfach die Dienstleistungen, die Produkte oder die Kunden des Unternehmens.

Für diese Art von Mitarbeitern gibt es seit Ende der 70er Jahre einen Begriff: Intrapreneur – gemeint sind damit Mitarbeiter, der wie unternehmensinterne Unternehmer agieren.

Info-Box: Was sind Intrapreneure?

Ein Intrapreneur ist ein Unternehmer im Unternehmen. Die Bezeichnung Intrapreneur setzt sich zusammen aus „intra-corporate“ für unternehmensintern und „Entrepreneur“ für Unternehmer.

Link: Was ist ein Intrapreneur?

Warum Intrapreneure so wichtig sind

Wir leben in einer VUCA Welt. In eben einer solchen Volatilen, Unvorhersehbaren, Komplexen und mehrdeutigen Umgebung (Ambiguität) sehen Intrapreneure häufig die entscheidenden Entwicklungsstufen voraus.

Info-Box: Was ist VUCA?

VUCA ist eigentlich ein Begriff des amerikanischen Militärs. Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems in den 1990er Jahren gab es nicht mehr den EINEN Feind. Im Gegensatz zu den vergangener Schlachten ist das Militär heute vielmehr mit den Ausprägungen des „modernen Krieges“ konfrontiert: Asymmetrische Kriegsführung, Selbstmordattentäter, Straßenkampf etc.

VUCA wird heute meist im Kontext von New Work und der Digitalisierung verwendet. Und auch hier sind die stark veränderten Rahmenbedingungen gemeint. Dabei ist VUCA (oder VUKA auf deutsch) ein Akronym und setzt sich aus den vier Begriffen Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität zusammen.

Link: Woher kommt VUCA?

Intrapreneure sind häufig Querdenker und haben den Drang, das Richtige für „ihr“ Unternehmens zu tun. Und das ist sogar stärker als die Sorge um fehlende Kompetenzen. Neues Wissen eignen sie sich beim „doing“ an und begeistern Kollegen für ihr Vorhaben.

Intrapreneure bringen unterschiedliche Kompetenzen mit

Intrapreneure haben unterschiedliche Kompetenzen
Intrapreneure haben unterschiedliche Kompetenzen

Einige sind stark in der Kommunikation und können Kunden und Kollegen schnell begeistern. Ich kenne einige ehemalige Kollegen, die an der Schnittstelle zu Kunden arbeiten. Sie sind super gut darin zu verstehen, wie sich die Welt ihrer Kunden verändert und welche neuen Bedürfnisse entstehen. Wo die Reise hingehen muss.

Andere bringen eine hohe Fachkompetenz mit: Sie erkennen neue technologische Möglichkeiten und Entwicklungen. Wie beispielsweise Personalisierung oder Marketingautomatisierung schlau eingesetzt werden kann, um Probleme des Kunden zu lösen.

Diese Merkmale der Intrapreneure sollten im Management bei Unternehmen (mit Blick auf unsere VUCA Welt) eigentlich auf einen großen Zuspruch treffen.

Intrapreneure als Unruhestifter?

In großen Unternehmen und Konzernen werden Intrapreneure jedoch häufig als zu kompliziert gesehen. Als Querdenker. Darüber hinaus sogar gemobbt, wenn sie mit ihren Ideen für zusätzlichen Aufwand in Projekten sorgen.

Ein toller Blog-Post von hr-pioneers beschreibt sehr schön den (leider) typischen Weg eines Querdenkers zum Konformisten:

Erster bis dritter Monat:

Der Querdenker weiß nun ein bisschen, wie das Unternehmen tickt. Er wundert sich an der ein oder anderen Stelle. Er berichtet intern offen, was ihm aufgefallen ist, was er anders machen würde. Der Querdenker hat einige Aufmerksamkeit. Von einigen bekommt er Zuspruch, andere verstehen ihn nicht.

Vierter bis fünfter Monat:

Der Querdenker bekommt Einladungen für Impulsvorträge. Unter diesen Voraussetzungen gibt er sein Wissen und Können sehr gerne weiter. Viele im Unternehmen wollen ihn auf einer Veranstaltung haben und damit zeigen „Ich bin offen für Andersartigkeit“.

Sechster Monat:

Der Querdenker bekommt Fans außerhalb des Unternehmens. Wird als Speaker zu Kongressen eingeladen und erhöht so seine eigene und die Wahrnehmung seines Unternehmens.

Siebter bis neunter Monat:

Der Querdenker hat genug vom Erzählen, will nun auch mal machen und konkret werden. Er schlägt andere Vorgehensweisen, neue Methoden, neue Formate vor. Einige Kollegen sprechen ihn direkt an: „Das funktioniert hier meist nicht.“. Er wird darauf hingewiesen, dass er doch bitte nicht so rebellisch sein solle.

Zehnter bis zwölfter Monat:

Der Querdenker beginnt an sich zu zweifeln. Stimmt etwas nicht mit ihm? Hat er sein Wissen oder seine Ansichten schlecht vermittelt? Warum wollen alle nur reden? Warum will niemand etwas verändern, Experimente wagen und ins Erleben kommen? Er zieht sich ein Stück weit zurück. Der Querdenker wird darauf hingewiesen, dass er sich verändert hat: „Schade, dich sieht man ja gar nicht mehr so richtig„. Aber niemand fragt ihn, was denn eigentlich die Ursache ist.

Nach einem Jahr im Unternehmen:

Der Querdenker hinterfragt seine Wirksamkeit, fühlt sich alleine. Wird unzufrieden mit sich selbst, den Kollegen, seinem Job und der Erreichung seiner Ziele. Der Querdenker beginnt sich extern umzusehen … oder eine eigene Firma zu gründen.

So oder so ähnlich wird es in vielen Unternehmen sein. Vielfach gibt es Querdenken in der Super-Light-Version. So ganz nach dem Motto:

Lass uns doch mal eben querdenken und unkonventionelle Konzepte entwickeln

Diese Aufforderung gehört irgendwie zum guten Ton in vielen Unternehmen. Aber wehe, jemand versteht das als ernstgemeinte Aufforderung, um an den Strukturen, Hierarchien und Prozessen zu rütteln. Dann hat die Aufforderung schnell ein Ende.

Selektives Querdenken bei einzelnen inhaltlichen Themen ist erwünscht. Allerdings bitte nicht permanent und zu umfänglich.

Info-Box: Intrapreneure, Querdenker und New Work

Im Taylorismus, also so um ca. 1900 ging es um die Steigerung der Produktivität durch menschliche Arbeit. Und zwar durch die Teilung der Arbeit in kleine Einheiten, die dann schnell und repetitiv zu wiederholen sind. Natürlich sind die Zeiten der Industrialisierung lange vorbei. Doch zentral organisierte Prozesssteuerung ist noch immer tief in Unternehmen und unserem Denken verankert.
Dieses Prinzip funktioniert in der Wissensarbeit natürlich so gar nicht. New Work ist aus meiner Sicht als Gegenpol zu verstehen und steht für eine große Entscheidungshoheit und mehr Verantwortung für Mitarbeiter und Teams. So ist der Erfolg von New Work und unternehmerisch denkenden Mitarbeitern – Intrapreneure – eng miteinander verknüpft.

Querdenker erzeugen Schmerzen

Die Geschwindigkeit, mit der Veränderungen eintreten, steigt kontinuierlich. Das gleiche gilt für die Dynamik von Märkten und Zielgruppen. Klar ist: Unternehmen müssen handeln. Intrapreneure können die nötigen Impulse hierfür geben. Aber klar ist auch: Intrapreneure erzeugen Schmerzen. Doch darin liegt ihr Mehrwert. Sie sind der Motor, der kontinuierlich Innovationen hervorbringen kann. Fest verankert im Unternehmen.

Echte Perspektiven aufzeigen

Die unternehmerische Persönlichkeitsstruktur kann man wohl niemandem beibringen.

Aber natürlich kann das Management diese Personen unterstützen. Mit Blick auf die Niederlagen (siehe oben) ist es wichtig, dass ihnen neue Perspektiven aufgezeigt werden. Für Intrapreneure muss es möglich sein, die selbsttägig die nächsten Schritte selbst zu gehen ohne vom Unternehmen ausgebremst zu werden. „Unser Unternehmen ist einfach noch nicht so weit“ ist hier ganz bestimmt nicht die richtige Botschaft.

Dafür gilt es einen Innovationsprozess zu etablieren. Wenn die Organisation zu starr ist, so kann natürlich auch Hilfe von außen dabei unterstützen, dass sich Intrapreneure zeigen können.

Das ist nicht nur für die Menschen und das jeweilige Unternehmen wichtig. Letztlich sogar für ganz Deutschland, sind doch viel zu viele Unternehmen zu zögerlich, sich auf die „digitale Welt“ und neue Impulse einzulassen.

Querdenkertum erfordert Mut

Querdenken braucht Überzeugung und den Willen, diese mit Durchhaltevermögen umzusetzen. Querdenker zuzulassen braucht ebenfalls den Willen hinzuhören und auszuprobieren. Verbunden mit passenden Rahmenbedingungen und einer aktiven Auseinandersetzung ist Querdenkertum eine große Chance für die Unternehmen.

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