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Warum Agilität oft missverstanden wird

Man kann es nicht mehr hören: Jeder möchte heute „agil“ sein. Agilität wird seit einigen Jahren als Heilmittel für so ziemlich alles im Unternehmen gesehen.

Zwei Beispiele: So denken viele, dass Agilität automatisch zu einer höheren Mitarbeiterzufriedenheit führt, da agile Strukturen viel Selbst- und Mitbestimmung erlauben. Oder aber Agilität größere Gewinne generiert, da so Ergebnisse schneller präsentiert werden können.

Beides ist so natürlich ziemlicher Quatsch.

Auf der anderen Seite ist der Begriff „agil“ durch die inflationäre Nutzung durchaus negativ aufgeladen. Ganz im Sinne von: „Agilität ist doch nichts Neues, das machen wir eh schon“. Und sogar noch mehr: Agilität ist schon fast zum Unwort verkommen. In einigen Konzernen hört man zynisch: „Da sind wir ja mal richtig schön agil gewesen“. Agilität also als Synonym für Planlosigkeit und Chaos.

Auch das ist natürlich Quatsch.

In Wirklichkeit ist das Problem aus meiner Sicht nicht die agile Arbeitsweise, sondern deren schlechte Umsetzung in den Unternehmen. Es fehlt ein Verständnis für Agilität als Denk- und Führungsmuster. Methodiken wie Scrum stehen für sich allein und werden nicht sinnvoll in die Unternehmensstruktur eingebettet. Da kann man nur schlechte Erfahrungen sammeln.

Was bedeutet Agilität?

Agilität entstand als Reaktion auf langsame, bürokratische Organisationen, um den veränderten Marktbedingungen in einer VUCA Welt zu begegnen. Das großartige einiger agiler Methoden ist für mich, dass kontinuierlich produktiv nutzbare, hochwertige Ergebnisse ausgeliefert werden.

Agilität zielt darauf ab:

  1. Kunden in einen Entwicklungsprozess einzubinden.
  2. Prozesse ganz und gar auf den Nutzer auszurichten.
  3. Mit Hilfe von Iterationen, kurzen Entwicklungsperioden, schnelle, greifbare Zwischenergebnisse zu schaffen.

Brauche ich das?

Blinder Aktionismus ist beim Thema „Agilität“ nicht zu empfehlen. Im Zweifel sollten sich Unternehmen und die Führungskräfte fragen: Verlangt der Nutzer oder der Kunde diese ständige Einbindung und bringt sie meiner Agentur bzw. Unternehmen Vorteile?

Post-it notes: Das typische Bild für Agilität

Das führt zu einer anderen Frage: Brauche ich überhaupt eine Veränderung und wenn ja, was möchte ich damit bewirken?

Für ein Unternehmen ist es wichtig, herauszufinden, welche Prozesse agil gestaltet werden können – und welche nicht. Einfach nur zu versuchen, alle Prozesse agil zu machen, kann schwerwiegende Folgen haben und zum Scheitern ganzer Produktionen und anderer Abteilungen führen.

Beispiel 1: Einen Laptop zu bauen ist vermutlich nicht agil
Es gibt ganz sicher Produkte, die folgen einem strikten Produktionsablauf. Beispielsweise die Produktion eines Laptops. Einzelne Teile können vermutlich parallel produziert werden, am Ende müssen sie aber in einer bestimmten Reihenfolge verbaut werden.

Beispiel 2: Eine Website zu bauen, kann agil funktionieren
Wenn es um die Website geht, herrscht bei vielen Unternehmen noch die „Redesign-Denke“. Alle fünf Jahre wird die Website in einem groß angelegten Projekt komplett überarbeitet. Das geht besser: A/B Testings und die kontinuierliche Optimierung funktionieren nach agilen Prinzipien ganz wunderbar.

Für ein Unternehmen ist es also wichtig, herauszufinden, welche Prozesse agil gestaltet werden können – und welche nicht. Einfach zu versuchen, alle Prozesse agil zu machen, kann schwerwiegende Folgen haben und zum Scheitern ganzer Produktionen oder Unternehmensbereiche führen.

Es gibt viele Gründe agil zu arbeiten. Wenn man sich dafür entscheidet, dann sollte dies richtig gemacht werden. Agilität ist kein Selbstzweck und es macht natürlich keinen Sinn agil sein zu wollen, nur um dann lustige Bilder mit Post-its auf der Unternehmens-Website zu zeigen.

Scheinagilität ist Zeitverschwendung

Wirklich bescheuert wird es aus meiner Sicht, wenn in Unternehmen in eine Scheinagilität abdriften. So werden Mitarbeitern bspw. Selbstorganisation und Eigenverantwortung versprochen und Scrum oder Kanban eingeführt. Es gibt Daily Standups und Retrospektiven. Und so weiter. Doch am Ende trifft doch weiterhin eine Person die Entscheidung.

„… Allerdings stellte sich bald heraus, dass alle Sprints, die eigentlich das Team eigenständig plant, vom Abteilungsleiter nachträglich geändert wurden. Er brachte dort sämtliche Aufgaben unter, die er gerne fertig gesehen hätte. Das Team lebte Agilität, die Führung aber nicht.“

golem.de, Was Unternehmen falsch machen, wenn sie agil sein wollen

Agilität tut weh

Vor allem Führungskräfte hadern oft mit ihrem Schicksal. Schließlich sind einige von ihnen Führungskräfte geworden, um anderen sagen zu können, was sie tun sollen. Dieses Verhalten entspricht allerdings so gar nicht den agilen Prinzipien (Servant Leadership).

Klar ist, dass Führungskräfte ihren Beitrag dazu leisten müssen, um die Mitarbeiter mit den nötigen Kompetenzen auszustatten. Und das ist auch mit einer Scrumschulung nicht getan.

Was braucht es, um agil zu arbeiten?

Seitens der Mitarbeiter bedarf es einer inneren Sicherheit und persönlichen Reife, um in einer agilen Arbeitswelt bestehen zu können. Nicht jeder Mitarbeiter ist dafür geeignet, sich selbst zu organisieren, sich ständig weiterzuentwickeln oder sich ständig auf neue Teams einzulassen.

Info-Box: Agilität und New Work

Agil bedeutet im Sinne des Wortes ja eigentlich erstmal nur „beweglich“. In der „New Work“ haben Menschen optimalerweise die Möglichkeit, so zu arbeiten, wie sie wollen – frei von Hierarchien und Anweisungen. Bei New Work geht es also stark um Selbstständigkeit, Eigeninitiative und Verantwortung. Dies ist das verbindende Element von Agilität und „New Work“.

Agile Mitarbeiter brauchen eine stabile, gereifte Persönlichkeit, damit sie auch „liefern“ können bei sich ständig verändernden Rahmenbedingungen und in sich immer wieder neu bildenden Teams. Dafür ist eine hohe Anpassungsfähigkeit nötig.

Fazit: Warum Agilität oft missverstanden wird und dennoch hoch relevant ist

Aussagen wie „Wir machen das dann agil“, oder „Wir entscheiden dann agil“ führen den Begriff Agilität ad absurdum. Für diejenigen, die das ausbaden müssen, wird damit Agilität zum Albtraum.

Nicht jedes Unternehmen muss agil arbeiten und die Prozesse dementsprechend umgestalten.

Naheliegend ist der Einsatz agiler Methoden natürlich immer dann, wenn Software entwickelt wird. So hat im Gegensatz etwa zur Produktion eines Laptops eine Software keinen definierten Fertigstellungszeitpunkt. Zu jedem Zeitpunkt im Lebenszyklus von Software sind Änderungen mit dem gleichen Aufwand möglich. Im Gegensatz zum Laptop-Herstellung, wo eine nachträgliche Planungsänderung im Zweifel immense Kosten zur Folge hat, können Änderungen an Software während der laufenden Entwicklung mit vertretbarem Aufwand durchgeführt werden.

Organisationen, die sich zur Nutzung agiler Methoden entschließen, erproben dies häufig anhand ausgewählter Projekte oder Teams. Im Agenturgeschäft wird die Projektmethode teilweise nach Kundenwunsch gewählt: Wasserfall, agil, oder gemischt?

So entsteht der Eindruck, dass agile Methoden sich mal an- und wieder abschalten lassen. Ich denke hier liegt einer der Gründe, warum Agilität so häufig missverstanden wird: Agil arbeiten bedeutet nicht, sich an neue Meeting-Formate (bspw. Daily Standups) zu gewöhnen und regelmäßig Prototypen zu zeigen und zu verbessern.

Vielmehr ist Agilität eine Haltung und fußt auf Werten, die Mitarbeiter in Teams zu kooperativen und adaptiven Verhaltensweisen anregt. Die Praktiken und Rituale diverser agiler Modelle sind nur Gerüste für das Ausleben der agilen Werte.

Ein agiles Mindset führt optimalerweise zu Veränderungen in Richtung Offenheit, Kreativität im eigenen Denken und im Unternehmen. Genau das benötigen wir heute dringender denn je.

Ein kurzer Hinweis: Dieser Artikel basiert auf einer Präsentation, die ich vor etwa einem Jahr für eine Konferenz erstellt habe. Solltest du Interesse an dieser Präsentation haben, so melde dich gerne bei mir.

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