Toxic Positivity: Ein Problem (nicht nur) während der Pandemie

Als vor über einem Jahr Corona nach Deutschland kam und der erste Lockdown losging, waren viele frustriert, genervt und wütend. Doch hat so ein Lockdown nicht auch viel Positives? Endlich Zeit für all die Dinge, die man vorher nie so richtig geschafft hat. Endlich kein Freizeitstress mehr. Endlich mal ein gutes Buch lesen. Endlich Geld sparen.

Eine positive Einstellung auf das Leben ist natürlich überhaupt nicht falsch. Allerdings wird die Positivität zu einem Problem, wenn sie keinen Raum mehr für andere Gefühle lässt. Jemand hat pandemiebedingt den Job verloren? Die Oma ist gestorben? Man ist seit Monaten allein in der Wohnung isoliert? Stell dich nicht so an! Viele haben es doch noch viel schlimmer.

Doch die unangenehmen Gefühle unter den Teppich zu kehren, kann gerade in der aktuellen Pandemie gefährlich – toxisch – sein. Toxic Positivity nennt sich das Phänomen.

Jeder kennt die „inspirierenden“ Zitate auf Insta und Pinterest: „Stay Positive“, „Good Vibes Only“, „Happy Mind, Happy Life“. Und so weiter.

Dabei kann die „Toxische Positivität“ in verschiedenen Formen daherkommen: Eben als Meme aus Insta. Es kann aber auch jemand sein, der dich für deine schlechte Laune kritisiert – sich aber nicht anhört, warum du verärgert bist. Es kann ein Kommentar vom Kumpel sein: „sei dankbar für das, was du hast“. Es kann eine Kollegin sein, die immer wieder postet, wie produktiv sie jetzt doch im Lockdown ist. Oder es kann auch der innere Wunsch sein, sich nicht mit Gefühlen von Traurigkeit, Angst, Einsamkeit oder Furcht aufzuhalten.

Was ist Toxic Positivity?

Die Grundidee vom „positiven Denken“ geht davon aus, dass Erfolg vor allem von harter Arbeit abhängt. Wenn einem etwas schlechtes passiert, dann ist man (mehr oder weniger) selber schuld. Wer dagegen positiv denkt, der kann gar nicht scheitern.

Dieses in-allem-immer-das-positive-sehen kann durchaus zu einem Zwang werden. Bei der Toxic Positivity werden Positivität und Glück zwanghaft forciert – und negative Emotionen als schlecht angesehen.

Warum ist Toxic Positivity so problematisch?

Problematisch ist bereits die Wertung. Gute Gefühle, schlechte Gefühle. Emotionen haben eine wichtige Aufgabe: Sie liefern Informationen und sind daher wertvoll.

Jeder sollte (ab und an) traurig oder wütend sein. Dies zu unterdrücken ist ungesund. Das gilt ganz besonders für die negativen Gefühle.

Stirbt bspw. ein Familienmitglied durch Corona, dann empfinden wir Trauer. Ein sehr wichtiger Prozess. Man benötigt Zeit, um die Trauer zu verarbeiten. Nehmen wir uns nicht diese Zeit, so kann das krank machen.
Ein anderes Beispiel: Wenn wir beim Vorstellungsgespräch ein „irgendwie ein schlechtes Gefühl“ haben, kann uns dieses vor einer falschen Entscheidung bewahren.

So ist die Fokussierung auf das Positive eine Möglichkeit, die kurzfristig zwar erleichtert, aber uns langfristig umso mehr schadet.

“Failure to effectively process emotions in a timely manner can lead to a myriad of psychological difficulties, including disrupted sleep, increased substance abuse, risk of an acute stress response, prolonged grief, or even PTSD.“

Dr. Jaime Zuckerman, a clinical psychologist in Pennsylvania – www.healthline.com

Ein weiterer Aspekt von Toxic Positivity ist, dass wenn man schwierige Umstände verdrängt (weil man ja immer das positive im Blick hat), damit verhindert, dass sich tatsächlich etwas zum Besseren verändert.

Corona und Toxic Positivity: Eine gefährliche Mischung

Corona kann uns einsam machen. Toxic Positivity kann dies weiter verstärken. Denn wenn wir glauben, dass schlechte Gefühle nicht akzeptabel sind, dann präsentieren wir uns bei anderen nur von der „positiven“ (gutgelaunt, fröhlich, freundlich, …) Seite.

Fühlen wir uns aber nicht gut, meiden wir den Kontakt oder überspielen die tatsächliche Gefühlslage. Dabei ist es gerade wichtig, in Freundschaften auch negative Emotionen teilen zu können.

Vier Ideen wie man mit Toxic Positivity umgehen sollte

Vermeide es, deine Emotionen zu ignorieren

Erkenne an, wie du dich fühlst. Und fühle alle Emotionen, egal ob gut oder schlecht. Setzt dich damit auseinander. Das Verdrängen der Gefühle ist keine gute Idee.

Es in Ordnung, wenn es dir nicht gut geht

Wenn du erschöpft bist, dann ruh dich aus. Ist banal. Klingt banal. Aber es ist häufig gar nicht so einfach sich frei von Schuldgefühlen auszuruhen. Für den Umgang mit Toxic Positivity aber super wichtig.

Sei realistisch

Wenn du dich produktiv fühlen möchtest, dann beginn mit kleinen Schritten. Beschäftige dich nicht mit komplizierten Aufgaben, von denen du glaubst, dass du dich dadurch besser fühlst. Mach lieber Sachen, die du bereits gut kannst.

Social Media als „Toxic Positivity“ Beschleuniger

Social Media ist häufig Fake. Influencer auf Instagram sind häufig Fake. Das Social Web ist voll von Menschen, die sich nur von ihrer (vermeintlich) besten Seite zeigen. Niemand postet die eigenen Fehler, Schwächen oder zeigt die schlechten Entscheidungen auf. Die sozialen Medien vermitteln den Eindruck, dass jeder – auch in der Corona-Pandemie – besser zurechtkommt. So ist Social Media ein „Toxic Positivity“ Beschleuniger, den es kritisch zu hinterfragen gilt.

Die Mischung macht’s

Ein positiver Blick auf das Leben ist nichts Schlechtes. Ein gesunder Optimismus hat viele Vorteile.

Einige Dinge würden Menschen vermutlich nicht machen, wenn man keinen Optimismus hätte. Ein Unternehmen gründen beispielsweise.

Andererseits können Menschen, die zwanghaft alles Positiv sehen, den Blick für die Realität verlieren. Wenn man schwierige Umstände verdrängt, steht man sich selbst im Weg und verhindert, dass sich tatsächlich etwas zum Besseren verändert.

Letztlich ist – wie so oft – der Mittelweg die richtige Lösung. Wir sollten die Dinge so sehen wie sie sind, nicht zu gut, nicht zu schlecht. Aus der kaputten Waschmaschine kein Drama machen, aber ebenso einen Jobverlust nicht schönreden und auch mal trauern dürfen.

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